Passante

Die Betrachtung aus sicherer Entfernung öffnet den Blick für das Geschehen, den Ort, Tiere und Menschen in einer sehr spezifischen Situation. Nur wer hinschaut, sieht, was passiert. Aber das, was passiert, verändert sich sofort unter der Betrachtung – je nachdem, welche Worte ich wähle. Die Betrachtung hält inne und konzentriert sich. Dann reiht sich das eine an das andere und entfernt sich wieder. Die großen und kleinen Überlegungen wechseln sich ab und bleiben nicht stehen. Es ist der liebevolle Blick, aber ein Blick, der kein Bleiben kennt. Es darf zugespitzt, angespitzt und pointiert werden, aber nichts wird festgehalten. Und wenn doch, dann nur kurz. Klar, darf es Auslassungen geben, aber immer wieder wird der Faden aufgenommen und der Blick wird wieder darauf gelegt, was ist. Nur mit welchen Worten ist etwas, wie es ist?

11.12.25

Einer meiner Söhne stellte sich mal vor, dass er einschliefe und in Jerusalem wieder aufwache. Er fürchtete die Situation, dass er niemanden erklären könne, wie er nach Jerusalem gekommen sei. Er fürchtete, es könne niemand glauben, vielleicht auch niemand verstehen. In Jerusalem leben viele unterschiedliche Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen und an verschiedene Dinge glauben und verschiedene Götter haben. Die blinde Leidenschaft, mit der sich Christen auf das nach Rosen stinkende Grab Jesu warfen und die Gleichartigkeit der Scheitel der jüdischen Frauen vor der Klagemauer und die Eiligkeit, mit der man mir auf dem Tempelberg/al-Haram asch-Scharif einen langen Rock reichte, lehrte mich auch das Fürchten. Ich berichtete bereits davon. Ein jeder Gott scheint die Menschen dringlichst unter eine Ordnung zwingen zu wollen. Mein Gott würde die weltlichen Abläufe etwas spielerischer und humorvoller betrachten. Zu Recht fürchtet man diese strengen Regeln und Vorgaben, die eine falsche Demut, ja Unterwerfung fordern. Aber wahrscheinlich besteht die Furcht auch darin, nicht zu wissen, was im Schlaf passiert und am nächsten Morgen die Welt nicht wiederzuerkennen. Ich würde mein Grundgefühl als Kind auch so beschreiben. Ich wuchs in einer Welt auf, von der man am Abend nicht wusste, wie sie am Morgen wäre. Deshalb mag ich Routinen mittlerweile und lebe in einer einigermaßen beständigen Abteilung dieser Welt. Ich wundere mich, dass sich meine Ängste offenbar vererben. Die Fähigkeit, die ich in dieser Kindheit erwarb, ist, dass ich recht krisenfest bin. Mich haut wenig um. Meistens kann ich recht schnell nach einer Verzweiflungsattacke auf den Souverän umschalten: jetzt müssen wir uns raushauen. Als Mutter ist das recht hilfreich. Aber vielleicht auch erdrückend. Die UNESCO hat rumänisches Dudelsackspiel, das Jodeln in der Schweiz und die isländische Schwimmbadkultur unter den Schutzschirm genommen. Das finde ich eine richtig gute Meldung. Und das Lübcke-Mahnmal ist eröffnet worden. Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich das positiv aufnehmen. Ich würde sowieso ein relativeres Verhältnis zur Wirklichkeit pflegen, das scheint mir angemessen. Auch in Krisenzeiten. Und trotzdem muss in Krisenzeiten menschlich angepackt werden. Das wäre also mein Bundeskanzlerinnen-Credo. Mein literarisches Credo ist: radikal die verschiedene Wirklichkeit humorvoll ernstnehmen.

10.12.25

Nachrichten im Radio, die Fahrt durch eine träge Landschaft ohne Vögel. Die sitzen irgendwo und warten auf Sonne. Das hohe Gras liegt kraftlos. Es ist nicht bewiesen, dass eine Masernimpfung Autismus nicht provoziert. Es ist nicht bewiesen, dass Gott nicht existiert. Es ist nicht bewiesen, dass Kennedy nicht doch eine Frau ist. Es ist nicht bewiesen, dass der letzte Macho keinen kleinen Pimmel hat. Es ist auch nicht bewiesen, dass Frauen nicht doch schlauer sind als Männer. Umgekehrt aber auch nicht. Es ist nicht bewiesen, dass Irrsinn nicht heilbar ist. Es ist nicht bewiesen, dass ich nicht existiere und nicht diese Zeilen schreibe. Es ist aber auch nicht bewiesen, dass ich diese Zeilen schreibe. Doppelte Verneinungen sind was für Philosophen. Sie tun so, als sei etwas so oder so, ohne dass man es sagen muss. Wenn das „nicht-nicht“ gilt, gilt dann automatisch das das? Nicht unbedingt. In den USA sind kleine Sprachkünstler am politischen Werk. In Deutschland auch, da gibt es so schreckliche Begriffe wie „Vorfeld“, „Remigration“, „großer Austausch“. Es ist nicht bewiesen, dass es meine Figuren, die ich mir ausdenke, nicht gibt. Es ist nicht bewiesen, dass ich im Traum nicht nach Italien fliegen kann. Es ist auch nicht nicht bewiesen.

9.12.25

Neuerdings beobachte ich auch eine Katze. Ich habe das Herrchen der Katze schon kennen gelernt, er stand einmal im Garten und suchte sein Tier. Es trägt eine Peilsender und manchmal streift es den ab. Dann liegt er in unserem Garten und die Katze kommt ohne heim. In unserem Garten macht sie immer dieselbe Runde und sitzt anschließend gerne auf der weißen Mauer zum Nachbargrundstück. Sie kommt an meinem Arbeitszimmer vorbei, geht über die Terrasse, unter die Holzbank und sucht hinter der Rose nach Mäuschen. Sie riecht sie. Denn dort lebt auch eine Mausfamilie. Manchmal springt sie ins Laub, aber ich habe sie nie mit einer Maus aus dem Dickicht kommen sehen. Hinten am Efeu pinkelt sie und hüpft dann zurück.

8.12.25

Regen…Im Regen zu einem Konzert fahren, im Regen zum Tanzen fahren, im Regen einkaufen gehen. Im Regen. Kann ein Wetter so sehr ein Bild für einen Gemütszustand sein? Ich leide unter Italien-Entzug.

6.12.25

Ich bin ein unleidlicher Mensch. Jede Menschenansammlung, die aus mehr als zwei Leuten besteht, stresst mich und macht mich übellaunig. Eigentlich bin ich am liebsten allein und nur im Gedanken mit Menschen zusammen. Ich denke mir dann, dass es toll ist, mit Menschen zusammen zu sein. In meinen Vorstellungen sitzt man zusammen, unterhält sich, hört sich zu, erzählt sich was und alle freuen sich, dass jeder einzelne da ist. Wir stoßen an und freuen uns, dass wir uns sehen. Das Essen schmeckt und die Zeit verfliegt. In meinem Bett schlafe ich ein und freue mich, Freunde zu haben.

Der Nikolaus hat mir Schokolade und Marzipan gebracht. Ich freue mich, dass es einen Nikolaus gibt.

4.12.25

Die Figurenkonstellation, mit der ich mich gerade wieder beschäftige, ist schwierig. Ich versuche, den Überblick zu behalten. Es gelingt mir noch nicht recht. Dann lenke ich mich ab. Die Meisen nehmen meine Futterstelle gut an. Das Eichhörnchen auch. In ihrem Anblick kann man sich mit der Welt verbunden fühlen. Mehr Wunder brauche ich nicht. Es muss kein Engel vom Himmel fahren. Mir reichen die Meisen oder ein Musikstück, egal in welcher Sprache, das mir gefällt. Musik hat ohnehin die Eigenart, dass sie Verbindung stiftet.

3.12.25

Das wunderschöne neue orange-rote Fahrrad bringt mich durch das nördliche Nordend. Es scheint keine Sonne und die Luft ist grau, das Laub welk und grün-braun, es gibt ein paar schmutzig gelbe Flecken auf dem Rasen im Park.

Die schönen Häuser am Park blättern wie die Bäume. Unterhalb der Zweimetergrenze Graffitisprüche und Tags. Eine stabil bleibende Größe. Es liegt eine Mischung aus schmutzig-geschmolzenem Schnee und Eisregen in der Luft – nicht wirklich, nur metaphorisch. Es ist trocken, sofern man die feuchte Luft als trocken bezeichnen kann. Auf dem Gründungstag der Jugendorganisation der AFD, der erfolgreich durch Gegendemonstrationen in Gießen begleitet war, ist ein Mann aufgetreten, der eine Art Servierjacke trug und seltsam sprach, mit einem rollenden „R“ und übertrieben auf einen Nationalstolz pochte, den keiner braucht. Jetzt rätselt man, ob es ein Satiriker war. Wenn die Realität zur Satire wird, muss man ernst bleiben. Ein verdammt rechtsradikaler Haufen in dieser Partei und dieser Jugendorganisation.

Den Meisen im Garten habe ich eine Futterstelle angelegt, gleich neben den Knödeln. Sie hängen mit dem Bauch nach oben an den Meisenknödeln und picken. Auch die Futterstelle interessiert sie. Es wäre doch schön, wenn man stolz sein könnte, auf die Dinge, die Gutes in die Welt gebracht haben und an denen man beteiligt war. Vielleicht würde es auch reichen, man freute sich über Dinge, die Gutes bewirken. Kriegshandlungen sind schlechterdings nichts, auf das man stolz sein kann. Einen Frieden stiften, einen Garten anlegen, Meisenknödel aufhängen, ein Musikstück spielen, ein Geschenk machen, eine Wasserleitung reparieren, ein nachdenkliches Buch schreiben, einen Rock nähen – es gäbe so viele Dinge, auf die Menschen stolz sein könnten.

Vor Weihnachten ist die ganze Stadt schlecht gelaunt. Ich trinke Tee: frische Verbene aus dem Garten. Vielleicht hilft das.

2.12.25

Ich habe Sehnsucht nach meiner Arbeit an der Schule und nach meinen Kolleginnen und Kollegen. Ich habe versucht, zwei von ihnen telefonisch zu erreichen, aber sie rufen nicht zurück. Da ich einmal Chefin war, kann man nicht einfach die Karte ziehen: „ehemalige Kollegin“. Sehnsucht zählt nicht. Die Arbeit bricht wellenartig über ihnen zusammen, da ist meine Anfrage untergegangen. Jede Nachfrage gilt als Ex-Chefinnen-Nachfrage. Ich habe auch ein bisschen an der Homepage gebastelt. Das ist nicht meine Aufgabe. Das sollte ich alles nicht mehr tun. Ist auch nicht meine Aufgabe. Ich werde mich damit begnügen müssen, es ja selbst entschieden zu haben. In der Welt der Entscheidungen gibt es keine Ambivalenzen und Unsicherheiten. Selbstverständlich sagt das keiner so, aber tatsächlich ist ein schleichender Aus- und Eingang schwierig für viele Menschen. Mir tut so etwas eher gut, wenn es so auströpselt. Aber das stimmt nun auch nicht immer, manchmal brauche ich auch einen klaren Schnitt. Also, der klare Schnitt heißt: keine schulischen Belange mehr behandeln. Ich darf allenfalls für mich selbst überlegen, wie ich eine Leitung verstehe. Das wird ja wohl erlaubt sein. Ja, ist denn gar nichts mehr erlaubt? Das Institut für politische Schönheit möchte eine Walter-Lübcke-Statue aus Bronze vor das CDU-Haus in Berlin stellen. Ob das erlaubt ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist die Idee die Idee. Damit die CDU daran erinnert werde, dass Hass gegen Migranten nur Hass gebiert. Die CDU soll an die Brandmauer erinnert werden. Damit kann ich mich auch beschäftigen. Mein Liebster sagt zurecht, dass der Tote durch die Aktion instrumentalisiert werde. Wann heiligt der Zweck die Mittel? Satire darf alles. Eigentlich schon, aber nur eigentlich. Wenn das Institut für politische Schönheit nett gefragt hätte, würde man es nicht zur Kenntnis genommen haben. Wer zur Kenntnis genommen werden will, muss schon Bronze-Statuen in Auftrag geben und aufstellen. Aber verbal polemisch bei jeder Gelegenheit auf Migranten einschlagen ist auch quasi eine Bronze-Statue. Wir leben in einem Zeitalter der Übertreibungen. Selbst ich übertreibe häufig. In meinem Kopf gibt es eine Denkautobahn. Selten fahren die Gedanken in eine Richtung. Beschäftige ich mich doch damit zwischen meinen Schreibanfällen. Wie so oft, stelle ich fest: die anderen sind anders als ich.

1.12.25

Es ist kalt. Die Sonne schafft den schrägen Blick. Lebkuchen werden verkauft. Ich würde gerne in dieser Atmosphäre des friedlichen Ablebens und Überwinterns Frieden schließen mit meinem Körper. Er hat einiges getan für mich und Erstaunliches geleistet. Trotzdem mag ich ihn nicht. Er hat zwei Kinder geboren, er hat mich den Mount Everest hochgeführt – nicht ganz hoch, aber hoch genug – er fährt stabil Fahrrad und wandert gerne und sicher, er kann schwimmen und sitzen, laufen und Gartenarbeit verrichten. Er kann im Arm halten und verdauen. Er tanzt im Rhythmus – meist – und merkt sich Harmonien, spielt Klavier. Er merkt sich überhaupt sehr viel! Einiges vergisst er auch, aber ich wollte ja mal sammeln, was er alles für mich tut. Er hat zwei Kinder genährt in ihrem ersten Lebensjahr, er ist wieder gesund geworden. Er kann wunderbar Hitze aushalten, Kälte in Maßen und schläft gut. Er hat mir Lust bereitet und Zufriedenheit. Mein Körper verursacht selten Schmerzen, wenn doch, dann nur weil er allen Grund dazu hat. Ich würde ihn gerne so lieben wie er ist, weil er so genügsam ist und nicht allzu viel Pflege braucht: alle zwei Tage eine warm-kalte Dusche und ein weiches Handtuch. Ein bisschen Creme. Weil er fast alles mitmacht, was ich machen möchte und nicht muckt, müsste ich ihn doch lieben. Aber vielleicht ist das schon der Anfang eines falschen Endes, dass man etwas mag, weil es besonders gut ist. Wie kann man also etwas mögen, was man selbst ist und einfach so ist, wie es ist? Vielleicht so, wie man einen Garten mag, der nicht besonders schön ist oder einen Ort, der nicht überall schön ist. Durch Betrachtung. Durch Beschreibung.

28.11.25

Das Laub ist mit großen Arbeiterhandschuhen aufgegriffen und in die Biomülltonne verfrachtet worden. Wir waren zu zweit. Ein Teil des Laubes haben wir über die empfindlichen Pflanzen verteilt, so dass sie in Ruhe schlafen können. Der Rasen darf sich nun auch erholen. Die Verbene habe ich geschnitten, den Schmetterlingsstrauch noch nicht. Das müsste ich noch tun, bevor der Frost anhaltend kommt. Ein paar späte Glockenblumen verstecken sich im hohen Gras. Mich bringt das Hinausschauen aus dem Fenster auf eine Idee. Die Unbeweglichkeit meines trägen Körpers hat eine hohe Lageenergie. Ich vertiefe mich in die Faschismus- und Antisemitismusforschung. Ich will es genauer wissen.

25.11.25

Sich freischreiben heißt, auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen, heißt, die Dinge so zu schildern, wie sie wirklich sind, für mich wirklich, für eine ausgedachte Person, für einen Standpunkt, der nicht schon tausendmal eingenommen wurde oder schon tausendmal eingenommen wurde, aber immer noch wahr ist.

Sich freischreiben, ist eine Lebenshaltung, die fragt, was wäre, wenn du ich wäre und ich du? Wenn ich ein Stuhl wäre oder ein Stein? Wenn ich etwas wäre, das ich nicht sein kann. Sich freischreiben heißt, die Dinge zu beobachten und zu bezeichnen. Denn Dinge und Vorgänge, die einen Namen haben, werden nicht vergessen. Heimkehren ist wie schreiben, alles ist merkwürdig und es wert, betrachtet zu werden. Nichts ist selbstverständlich. Wegfahren ist wie schreiben, alles ist es wert, betrachtet zu werden.

Das Laub liegt aufgetürmt im Garten. Der Biomüll war noch nicht da. Der Wind macht sich einen Spaß daraus. Ich bringe alles wieder in Form. Sich freischreiben heißt: In Form bringen.

Dinge die Menschen nicht fragen, Dinge, die Menschen fragen, können mich verunsichern. Ich versuche, dieser Verunsicherung Form zu geben. Manchmal gelingt es.

20.11.25

Heimkehren ist merkwürdig. Ich finde nichts in der Wohnung. Bevor wir abreisten, hatten wir aufgeräumt, unsere Zwischenmieter räumten auch um und ich habe vergessen, wo meine Ordner standen. Ich laufe also viele Wege ab, bevor ich etwas finde. Erstmal räume ich den Garten auf. Das Laub wird gerecht, die Hecken geschnitten, die Zitronenmelisse rausgezupft. Auch die Himbeeren müssen gekürzt werden, einige späte ernte ich. Sie schmecken nach nichts. Den Nachmittag verbringe ich damit, herauszufinden, was ich gerne behalten würde. Den Zweiuhrcaffä auf jeden Fall. Danach gehe ich in die Buchhandlung und spreche mit Timo über die deutsche Diskurskurskultur. Auf jeden Fall kann da noch einiges getan werden, damit das Licht der Aufklärung noch in die Köpfe fährt. Ich habe mir ein Buch gekauft, das mir erklärt, wie der Faschismus funktioniert und eines über Antisemitismus. Der Autor des ersteren Buches ist ins Fadenkreuz der Kritik geraten, weil er am falschen Ort die Verfassung Israels als einen jüdischen Staat kritisierte. Vielleicht ist er zur forsch aufgetreten, vielleicht sind auch eher die Veranstalter in die Kritik geraten, weil es den Anschein erweckte, dass man nicht hören wollte, was der Autor zu sagen hatte. Kurz: Ich war nicht auf der Veranstaltung, ich weiß nicht, was genau passiert ist, aber seine Ansprache ist in der FAZ erschienen, ich habe sie leider noch nicht gelesen, werde das aber nachholen. Dann kann ich mir ein Bild machen. Der Buchhändler und ich waren uns einig, dass man nicht immer in einem Satz und eben mal schnell seine Meinung raushauen sollte, weil die Dinge eben kompliziert sind. Kunst dagegen geht ja immer! Dann spiele ich Klavier. Mannohmann, das ist ein Klavier. Großartiger Klang. Ich bin jetzt doch froh, wieder hier zu sein. Ich denke an ein paar Kinder in der Schule. Wie lieb man fremde Kinder haben kann. Und selbst die, die man nicht besonders leiden mag, auch denen wünscht man nichts Böses. Wirklich nicht, nur ganz kurz, wenn man sich ärgert, aber danach gar nicht mehr. Eigentlich mag ich sie alle, die einen mehr, die anderen weniger, aber Kinder sind toll. Wahrscheinlich habe ich doch den richtigen Beruf. So ganz allein im stillen Kämmerlein würde ich selbst mir als Zuhörerin meiner eigenen Gedanken irgendwie nicht reichen. Die Sonne geht in Frankfurt bereits um 14 Uhr unter: zu viele Häuser. Ich sitze also nahezu im Dunkeln. Wenn ich jetzt an den blauen Himmel am Meer denke, werde ich doch traurig. Dazu passt Mozart jetzt nicht. Also spiele ich was anderes.

17.11.25

Ein schönes Datum. „Passante“ begann ich, als ich vor Jahren „dem Tod in den Arsch schaute“. So dachte und empfand ich. Es war nur kurz geschaut und dann floh der Tod. Er wollte mich nicht. Heute auch noch nicht, ich bin sehr froh darüber. Die Wahrheit ist nämlich, dass er kommt, wenn er kommt. Irgendwann, irgendwo.

Die Wohnung meines Herzens habe ich gefunden. Ich wohne in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert, eher Kirche als Wohnhaus. Ein Palazzo. Wir bewohnen nur die Stubenmädchenwohnung, unter dereinst Napoleon schon wohnte, bevor er Italien einnahm. Er konnte die Fresken an der Decke bewundern, ich kenne sie nur vom Bild. Das ist eben der Unterschied zwischen Napoleon und mir. Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus, das muss nur nebenbei bemerkt werden. Ich möchte auch nicht Napoleon sein. Wir bewohnen also die Dienstmädchenwohnung unter dem Dach hoch oben über Imperia in einem Palazzo auf dem Berg und ich kann zu allen Seiten hinausschauen: zum Meer, an die Küste, in die Stadt und in die Berge. Aber nicht nur das. Ich sehe auch meerseitig die Mauersegler um mich herum tanzen. Sie fliegen an mir vorbei, über mich hinweg, unter mir schneiden sie eine scharfe Kurve um den Schornstein des Nachbarhauses. Ich bin ergriffen, berauscht und erfreut. Hier würde ich wirklich gerne wohnen. Zwischen diesen geliebten Vögeln, mittendrin. Mein Liebster und ich werden heute ein echtes italienisches Frühstück genießen, in einer kleinen Bar, direkt am Meer. Es ist wie ein Kiosk, besteht nur aus einem kleinen Raum mit einer Bar und vier Stehtischen und drei Tischen, an die man sich setzen kann. Der Kiosk steht zwischen Straße und Meer, unter dem Fenster liegen bereits die Boote im Wasser. Da es nicht am Hafen ist, ist hier nicht viel los. Vielleicht schon am Morgen, bevor man arbeiten geht. Man kann hier einen Kaffee trinken und ein süßes Cornetto essen. Mehr nicht. Den Rest machen die Möwen, das Meer, die Mauersegler und Menschen, die lieben und denken. Ordentliche Verben fangen nicht mit „m“ an.

16.11.25

Der Wind und der Regen pfeift und peitscht um das Haus. Wir sind ein paar Tage in Imperia, in einem Palazzo untergebracht, in dem dereinst bereits Napoleon weilte, bevor er Italien einnahm oder halb Italien? Es ist ein großes, sehr mächtiges Haus und unter unserem Apartment muss es Wohnungen mit wunderschönen Deckenfresken geben. Die haben wir leider nicht persönlich gesehen. Bereits der Treppenaufgang ist der Aufgang einer Kirche. Ich hoffe, Napoleon schlief so gut wie ich in diesem beheizten Apartment. Meine Figuren gehen spazieren, während draußen das Gewitter tobt. Vielleicht ist es einfach die Zeit, die vorbei weht? Lass sie wehen.

14.11.25

Das Haus wird gestaubsaugt, geputzt, gewienert und gestaubt. Die Wäsche wird gewaschen und aufgehängt. Die Koffer gepackt, die Dinge geordnet. Die Fenster werden geputzt und die Kommoden mit frischer Wäsche gefüttert. Das Holz ordentlich gestapelt und die Ikeamöbel, die wir gekauft haben, werden auseinandergebaut. Wasserkocher und Ofen werden verstaut. Jetzt ist es wieder ein ganz feines Haus, dass nicht allzu sehr nach uns aussieht. Schade. Wir werden ein paar Tage an die Küste fahren, um dem Meer einen schönen Winter zu wünschen. Mein Heimweh ist im Koffer.