Passante
Die Betrachtung aus sicherer Entfernung öffnet den Blick für das Geschehen, den Ort, Tiere und Menschen in einer sehr spezifischen Situation. Nur wer hinschaut, sieht, was passiert. Aber das, was passiert, verändert sich sofort unter der Betrachtung – je nachdem, welche Worte ich wähle. Die Betrachtung hält inne und konzentriert sich. Dann reiht sich das eine an das andere und entfernt sich wieder. Die großen und kleinen Überlegungen wechseln sich ab und bleiben nicht stehen. Es ist der liebevolle Blick, aber ein Blick, der kein Bleiben kennt. Es darf zugespitzt, angespitzt und pointiert werden, aber nichts wird festgehalten. Und wenn doch, dann nur kurz. Klar, darf es Auslassungen geben, aber immer wieder wird der Faden aufgenommen und der Blick wird wieder darauf gelegt, was ist. Nur mit welchen Worten ist etwas, wie es ist?
13.1.26
Bernhard B. ist gestorben. Wir trafen uns wenige Male. Es ging nicht gut aus. Später dann doch, zumindest so, dass man sich wieder grüßen konnte und sich nicht mehr gram war. Ich mochte seine Texte. Und wenn ich sie lese, dann höre ich seine Stimme, seinen leichten Dialekt. Vielleicht hat er den über die Jahre in Frankfurt verloren. In den 80er Jahren hatte er ihn noch. Ich traue meiner Erinnerung nicht sehr. Ich bin es gewohnt, meine Erinnerungen zu beschreiben und umzuschreiben, eine Autofiktion daraus zu machen. Irgendwann vergesse ich, was tatsächlich gewesen ist. Doch, ich traue ihnen sehr, aber nur als einer Variante der Wirklichkeit, die für andere ganz anders ist. Daten korrigieren mich selbstverständlich, ich bin keine Querdenkerin. Ich kann es in der Regel gut ertragen, wenn andere sich anders erinnern. Ich zweifle nicht an der Wahrhaftigkeit meiner Version. Bernhard sagte einmal zu mir, meine Hände seien nicht schön. Ich hatte ihn nicht danach gefragt. Wenn ich meine Hände betrachte, sehe ich an ihnen nichts, was nicht passabel wäre. Sie sind sehr groß, kräftig, ich kann mit Leichtigkeit eine Oktave auf dem Klavier spielen. Das ist praktisch. Sie sind nicht speckig, eher knöchern. Aber sehr weiblich und feingliedrig sind sie nicht. Vielleicht meinte er das? Ich werde ihn nicht mehr fragen können. Ich hätte ihn auch nicht gefragt, wenn er noch leben würde. Dieser Satz ist in meine Autofiktion eingegangen, ich habe das Gefühl, das dieser Satz in mir ausgelöst hat, beschrieben, ich habe dieses Gefühl als Frau, von einem Mann abgeschätzt und bewertet zu werden, beschrieben. Ich glaube nicht, dass Bernhard sich heute noch daran erinnern würde. Es gibt so viele Dinge, an die man sich nach Jahren nicht mehr erinnert oder nicht mehr erinnern mag. Er war nicht der einzige, der meinen Körper taxierte. Es ist in den 80er Jahren üblich gewesen, Frauenkörper abzumessen und zu beurteilen. Ich habe es oft erlebt. Manchmal hatte ich Glück und es kam jemand zu einem positiven Urteil. Ich bin Bernhard nicht mehr böse, damals war ich es, weil ich ein bisschen verliebt in ihn war. Es stand pari pari, als wir auseinandergingen, er hatte mich beurteilt (nicht nur meine Hände, auch meine Sprache, meine Lektüren, meine Trauer um meinen frischverstorbenen Vater), und ich wollte ihn nicht mehr sehen. So schloss ich meinen Frieden und es tut mir leid, dass er gestorben ist. Ich werde seine Texte vermissen.
17.1.26
Peter ist gestorben. Ich traf ihn vor ein paar Wochen in der Stadt, ihn und Gudrun und wir umarmten uns herzlich, weil wir uns lange nicht gesehen hatten. Wir begegneten uns auf einer Demonstration für Frieden und Liebe. Wer kann etwas dagegen haben, außer ein paar beknackte Rechte? Zwischendurch müssen wir mit Eisregen und Schnee klarkommen, mit erheblichen Kürzungen im Bildungssystem (für die Hauptfächer) und vollkommen durchgeknallten Amerikanern. Hilfe! Menschen mit Verstand, wo seid ihr? Carl Schmitt hat nicht recht und wir müssen nicht in Freund-Feind-Schemata denken. Wir müssen uns überhaupt nicht so fürchterlich als getrennte und feste Entitäten wahrnehmen. Wir dürfen fluid sein und Mitmenschlichkeit zeigen. Manchmal hilft intellektuelle Erregung gegen Trauer.
7.1.26
In einer automatischen Ansage eines Host-Anbieters kommt die Ansprache, dass man gleich für uns da sei und dann bemüht sei, unsere Erwartungen noch zu übertreffen. Ich pruste los, das ist sehr witzig. Im September letzten Jahres hatten wir einen ziemlichen Schaff damit, nach einer Neuaufspielung der Software oder einem Umzug des Servers, ich weiß nicht genau, was die Ursache des Zirkus‘ war, unsere Homepages wieder zugänglich zu machen und den Mailverkehr wieder herzustellen. Zwei Tage habe ich mich mit Einstellungen beschäftigen müssen. Das ist doch die Realität: wir mühen uns alle ab, wir strengen uns an. Unsere Erwartungen zu übertreffen, ist eher der Glücksfall. Es reicht, wenn die Erwartungen nicht vollends enttäuscht werden. Immerhin wurde die neue Spülmaschine erfolgreich eingebaut und in Betrieb genommen. Das sind die Erwartungen, von denen man hoffen darf, dass die erfüllt werden. Im Garten liegt Schnee und ich fülle das Vogelfutter und warmes Wasser in der Vogeltränke nach. Diese Tage sehe ich selten Meisen und Spatzen. Aber trinken tun sie doch. Welch ein Glück.
6.1.26
Es ist ruhig im Garten geworden. Es ist kalt. Eisekalt. Nicht nur die gefühlte Temperatur, auch politisch. Und Laschet und Merz verurteilen den Verstoß gegen das Völkerrecht diesmal nicht. Diesmal war es die USA, die einen Diktator in Venezuela entführt haben. Der nächste Überfall wird auf Grönland sein? Ich hoffe darauf, dass die meisten Amerikaner diese Art Vorherrschaft über die Welt nicht wollen. Bitte jagt euren Präsidenten in die Wüste. Draußen fallen die Schneeflocken, zart und langsam und bedecken das Grün. In Berlin sitzen viele Einwohner im Kalten, nachdem eine Gruppe von radikalen Idioten Versorgungsleitungen gekappt haben. Die linksextreme Gefahr wird beschworen. China manövriert vor Taiwan, mein Gegenüber redet nur von sich. Ich brauche Erholung von der Welt.
31.12.25
Der letzte Tag im Jahr. Ich habe ihn im Café Kante verbracht. Mit einer Freundin, die ich nur selten sehe, aber umso lieber dafür. Jetzt schaue ich in den dunklen Garten – einmal nicht am Morgen, sondern am Abend und es knallt immer Mal. Ich werde dem Morgen mit der Hoffnung einer Schriftstellerin begegnen. Mit dem Kampfgeist einer Antifaschistin. Mit der radikalen Zugewandtheit einer Mutter. Mit der differenzierten Intellektualität einer Lehrerin. Mit der Neugierde eines Kindes. Des Kindes, das ich immer noch bin.
28.12.25
Diese Zwischentage sind wirklich toll. Ich tue Dinge, die ich sonst nicht tue: Ich gehe in den Zoo, ich trinke mit Freunden um 14 Uhr einen Kaffee oder ich schaue Filme, Videos, Interviews, lese und schreibe. Gut Letzteres tue ich auch sonst ab und an. Aber ich habe ein langes Interview von Omer Bartov mit Tilo Jung gesehen. Selten sehe ich mir diese langen Interviews an, nur wenn es mich wirklich sachlich interessiert, obwohl ich sie fast immer sehr gut finde. So auch dieses. Die beiden Reporter machen das wirklich gut.
Es ging um die Frage, was Genozid sei (sein Forschungsgebiet) und die Frage, ob der dauernde und langanhaltende Angriff Israels auf Gaza und die Siedlungspolitik Israels in Palästina als Genozid bezeichnet werden könne und ob Israel als ein Apartheidregime bezeichnet werden kann. Er meint wohl beides mit „ja“ beantworten zu können und ich konnte der Argumentation gut folgen. Eigentlich argumentiert er so ähnlich wie Omri Boehm und Hannah Arendt in der Frage, ob ein jüdischer Staat, der darauf angewiesen sei, dass die Juden die Mehrheit haben, ein Demokratiedefizit habe. Er nannte es ein Paradox, das nicht aufzulösen sei (wenn ich mich recht erinnere). Das Interview war aber nicht nur wegen der aktuellen Debatte interessant, sondern auch wegen der Geschichte und des Verwobensseins seiner eigenen subjektiven Erzählung mit der großen Geschichte. Er berichtete, er habe bis er zwanzig gewesen sei, keinen Araber gekannt. Die Familie sei ab und an in Jaffa Humus essen gegangen, arabisch eben, weil es zuhause nur europäisches Essen gegeben habe, „Chicken soup“, aber er habe keine arabischen Freunde gehabt und auch keinen Araber in der Nachbarschaft. Erst Mitte zwanzig habe ihm ein Araber in Oxford von der Nakba erzählt und erst da habe er sich mit dieser Perspektive auf die Geschichte beschäftigt. Wie Omri Boehm meint auch er, man müsse sich gerade in Israel mit dieser Perspektive beschäftigen. Seine Sicht auf das heutige Israel ist, dass man Israel international zur Rechenschaft ziehen müsse, weil genau das die Lehre aus dem Holocaust sei. Es ist auch ein schrecklicher Gedanke, dass deutsche Waffen bei der Vertreibung und Vernichtung der zivilen Bevölkerung in der Westbank und in Gaza helfen. Noch dazu ist es ein Verbrechen, das international geahndet werden müsste. Die Menschenrechte gelten für alle.
Ein Freund von mir sagte, um 14 Uhr habe man den Eindruck, die Zeit bliebe stehen. Ja, so ist. Ich wünschte, für alle Israelis und Palästinenser könnte die Zeit stehen bleiben. Auch für alle Ukrainer. Für alle Menschen könnte ab und an um 14 Uhr die Zeit stehen bleiben und dann würden sie in ein Plätzchen zum Kaffee beißen und denken, es kann gar nichts Schöneres als das geben, und sie möchten sitzenbleiben und reden und reden und reden und den bitteren Kaffee und das süße Gebäck schmecken.
27.12.25
Wenn man sehr traurig ist und sich gar nicht mehr aus dem Schmerz hinausbegeben kann, dann hilft der Zoo. Tierbetrachtungen helfen. Kaum sehe ich den Tiger, die Löwin, ein Fossa, die Gorillas, der Orang-Utans, die Bonobos ist alles vergessen. Ich bin schon immer gerne in den Zoo gegangen. Als die Kinder klein waren, war es ein besonderes Vergnügen. Es gab Waffeln und wir blieben überall stehen. Ich kannte mich etwas aus mit den Tieren, an einigen Gehegen musste ich nicht einmal mehr nachlesen, was die Tiere fressen und wie sie sich verhalten, geschweige denn, wie sie heißen. Tiere machen wir Freude. Eigentlich fast alle, außer Kakerlaken. Die finde ich widerlich. Aber das liegt eher an meiner europäischen Sozialisation. Seit ich keine Kinder mehr habe, die mich mit in den Zoo nehmen, muss ich allein gehen. Die meisten Leute, die ich kenne, lehnen Zoos ab, deshalb erzähle ich nicht gerne von meiner Leidenschaft. Auch die Biologie-Kolleginnen an der Schule halten nicht viel von Zoos. Ich finde die Tierwohl-Argumente übertrieben. Mein Liebster fragt mich vor den zu Abend essenden Bonobos (Tomaten, Fenchel, Zwiebeln, Chinakohl, Karotten), ob ich denke, dass die Tiere glücklich seien. Ich glaube, viele Tierarten können so etwas wie Glück empfinden: eine Mischung aus Entspannung, Geborgenheit, Angstfreiheit und Lust, etwas Unsinniges oder Nicht-Zweckmäßiges zu tun. Delphine etwa, Primaten, aber wahrscheinlich auch Giraffen und Nashörner und sicher Kaninchen. Vielleicht auch einige Vögel wie Möwen und Mauersegler. Ich antworte, dass das eine schwer zu beantwortende Frage sei, aber dass ich nicht glaube, dass die Tiere im Zoo alle nicht glücklich sind. Die mangelnde Freiheit wird ausgeglichen durch Sicherheit. Es ist schon besser für alle Tiere, sich frei bewegen zu können. Aber die meisten sind einem erbitterten Daseinskampf ausgesetzt. Das ist sicher nicht immer einfach und glücklich. Wahrscheinlich ist es individuell auch unterschiedlich. Ich meine, dass im Zoo auf das Tierwohl sehr geachtet wird. Sicher, es werden auch Tiere für andere fleischfressende Tiere getötet . Aber einem Löwen lässt sich das Fressen von Pflanzen nicht angewöhnen. Mich dauern die Kaninchen, Küken und Ziegen, die verfüttert werden. Mein Herz wird schwer, wenn ich sehe, wie sie tot auf dem Felsen liegen; ich wüsste aber nicht, ob ich aus diesem Grund keine Zoos mehr haben wollte. Die Frage der Tierrechte ist schwerer zu beantworten. Haben wir das Recht, Tiere einzusperren? So lange Menschen die natürliche Umgebung von Tieren zerstören, müssen andere Menschen dafür sorgen, dass die Art nicht ausstirbt. Ein Scheiß-Kreislauf. Ich denke, dass verschiedene Rechte in einem Spannungsverhältnis stehen. So ganz frei von Spannung kriegt man das nicht.
Die Betrachtung der Tiere beruhigt mich und erdet mich. Selbstverständlich wäre es noch viel besser, wenn ich durch den Wald liefe und dort freilebende Tiere beobachtete. Aber verschiedene Tiere zu kennen und sie zu beobachten, macht mich auf eine besondere Art empfindsam. Ich kann mir das Leben in der Savanne besser vorstellen. Das Leben mit Tieren macht uns zu besseren Menschen. Ein Bonobo-Männchen kommt zu einem Weibchen und setzt sich vor sie. Er schaut ihr ins Gesicht. Er sagt nichts, tut nichts, er schaut sie einfach an. Ich vergesse, dass ich traurig war. Ich bin ein Teil von dieser Welt.
23.12.25
Heute Nacht dachte ich darüber nach, warum ich das tue: Schreiben, jeden Tag, und der Mangel an Glückshormonen und die Überdosis an Stresshormonen morgens um 5 Uhr führte dazu, dass ich dachte, ich könnte ebenso gut aufhören damit. Aber es gab offenbar einen Rest des begehrten Serotonins in mir, vielleicht waren es auch eher die Hoffnungslosigkeit und die Frage, was ich denn dann mit meiner Zeit anfänge, wenn ich nicht über Meisen, Katzen und die Scheiß-AFD schriebe, so dass ich aufstand und mich auf unser Sofa setzte und in das Dunkel hinausschaute, aus dem kein Licht zurückblickte. Ich klappte den Computer auf. Ich klappte ein weiteres Fenster zur Welt auf. Und ich dachte, darüber werde ich jetzt schreiben. Die Wahrheit ist, dass Worte mir immer schon als der Garant gegen das Vergessen erscheinen. Ich habe vor ein paar Tagen erst den ersten Teil des Films „Shoa“ von Lanzmann angesehen und dachte genau dies: die Worte werden ausgesprochen und geschrieben, gehört und gelesen und weitergegeben. Der Pole, der neben dem Vernichtungslager das Gemüse anbaut und die Gefangenen sieht, aber nicht hinschauen darf und sich nicht traut, hinzuschauen. Er hört die Schreie und die Arbeiten, die Schüsse und die Morde, aber er muss sich auf seine Kartoffeln konzentrieren. Ich weiß nicht, was er anbaute. Vielleicht Rüben. Der jüdische Junge, der in einem Boot singen musste und überlebte und nun diese traurige Geschichte erzählen kann. Die Worte, die sie sprechen, sind ihre traurige Geschichte. Ich teile sie, weil sie sie mit mir teilen. Worte. Auch ein Nazi teilte seine Worte mit mir. Er erzählte, dass die Gaskammern zu klein waren, es kamen zu viel Juden an. Die Körper wurden aufgeschichtet. Die Säfte liefen bis zum Speisesaal der Nazis. So redet er. Nur dass er nicht „Nazis“ sagt. Ich verneige mich vor Lanzmann.
Irgendwo geht jetzt ein weiterer Rollladen hoch. Sollte doch noch jemand außer mir wach sein? Mein Kaffee ist ausgetrunken. Die jungen Triebe des Rosmarins leuchten hell vor dem Schwarz im Garten. Heute keine Katze.
21.12.25
Die Sonne fällt quer von rechts in den Garten an meinem neuen Arbeitszimmerfenster vorbei. Ich füttere ein Eichhörnchen mit einer Walnuss. Wie geschickt das Tier die Nuss in den Pfoten herumdreht, kontrolliert herumwirbelt. Dann nimmt es die Nuss in ihr Maul und hüpft davon. Ich werde das Walnusspflänzchen im Sommer finden…Auf den Seiten der Segelflieger der Universität Frankfurt schaue ich mich etwas um. Ich bin selbst einmal regelmäßig geflogen. Es war eine schöne Angelegenheit. Allerdings waren die Wochenenden sehr belegt, da war nicht mehr viel anderes tun. Das war mit meinen unterschiedlichen Ideen und Wünschen nicht mehr gut zu vereinbaren. Es war mir auch etwas zu Männerlastig. Freude machte es schon. Allerdings bin ich auch nicht immer konzentriert bei der Sache und das sollte man auf jeden Fall immer sein, so dass ich glaubte, es sei auf die Dauer zu gefährlich für mich. Ich hörte also auf mit dieser Beschäftigung. Es tut mir nicht leid, auch wenn ich gerne daran denke, wie es war, in der Luft zu schweben.
Gestern schauten wir zum zweiten Mal „The Big Lebowski“. Tatsächlich musste ich einige Mal laut lachen. Vorgestern schauten wir „Inside Llewyn Davis“. Wenn Ethan und Joel Coen mal wieder einen Film zusammen machen, ich würde ihn mir ansehen.
18.12.25
Es ist sehr kalt geworden. In Carrara ist es feucht, neblig. Ich wohne auf mehreren Plätzen dieser Erde. Jeden Tag stelle ich mir vor, wie das Wetter wohl dort ist.
Derweil werden die Reichen reicher und ei Armen ärmer und wir kürzen weiterhin fröhlich im Bildungsbereich gerade bei denen, die es am nötigsten haben. Noch Fragen? Antworten scheint niemand mehr zu haben. Feiertagsreden schmecken schal und verdecken nur das eigentliche Ziel: zieht den Chancenlosen und Armen, den Versagern und Flüchtigen das letzte Hemd aus, macht sie nackt. Im Winter erfrieren sie von allein, damit haben wir nichts zu tun. Ich habe als Kind „Sterntaler“ gehört. Es ist ein schönes und wahres Märchen. Lest Märchen, Leute, wenn ihr noch lesen könnt.
11.12.25
Einer meiner Söhne stellte sich mal vor, dass er einschliefe und in Jerusalem wieder aufwache. Er fürchtete die Situation, dass er niemanden erklären könne, wie er nach Jerusalem gekommen sei. Er fürchtete, es könne niemand glauben, vielleicht auch niemand verstehen. In Jerusalem leben viele unterschiedliche Menschen, die unterschiedliche Sprachen sprechen und an verschiedene Dinge glauben und verschiedene Götter haben. Die blinde Leidenschaft, mit der sich Christen auf das nach Rosen stinkende Grab Jesu warfen und die Gleichartigkeit der Scheitel der jüdischen Frauen vor der Klagemauer und die Eiligkeit, mit der man mir auf dem Tempelberg/al-Haram asch-Scharif einen langen Rock reichte, lehrte mich auch das Fürchten. Ich berichtete bereits davon. Ein jeder Gott scheint die Menschen dringlichst unter eine Ordnung zwingen zu wollen. Mein Gott würde die weltlichen Abläufe etwas spielerischer und humorvoller betrachten. Zu Recht fürchtet man diese strengen Regeln und Vorgaben, die eine falsche Demut, ja Unterwerfung fordern. Aber wahrscheinlich besteht die Furcht auch darin, nicht zu wissen, was im Schlaf passiert und am nächsten Morgen die Welt nicht wiederzuerkennen. Ich würde mein Grundgefühl als Kind auch so beschreiben. Ich wuchs in einer Welt auf, von der man am Abend nicht wusste, wie sie am Morgen wäre. Deshalb mag ich Routinen mittlerweile und lebe in einer einigermaßen beständigen Abteilung dieser Welt. Ich wundere mich, dass sich meine Ängste offenbar vererben. Die Fähigkeit, die ich in dieser Kindheit erwarb, ist, dass ich recht krisenfest bin. Mich haut wenig um. Meistens kann ich recht schnell nach einer Verzweiflungsattacke auf den Souverän umschalten: jetzt müssen wir uns raushauen. Als Mutter ist das recht hilfreich. Aber vielleicht auch erdrückend. Die UNESCO hat rumänisches Dudelsackspiel, das Jodeln in der Schweiz und die isländische Schwimmbadkultur unter den Schutzschirm genommen. Das finde ich eine richtig gute Meldung. Und das Lübcke-Mahnmal ist eröffnet worden. Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich das positiv aufnehmen. Ich würde sowieso ein relativeres Verhältnis zur Wirklichkeit pflegen, das scheint mir angemessen. Auch in Krisenzeiten. Und trotzdem muss in Krisenzeiten menschlich angepackt werden. Das wäre also mein Bundeskanzlerinnen-Credo. Mein literarisches Credo ist: radikal die verschiedene Wirklichkeit humorvoll ernstnehmen.
10.12.25
Nachrichten im Radio, die Fahrt durch eine träge Landschaft ohne Vögel. Die sitzen irgendwo und warten auf Sonne. Das hohe Gras liegt kraftlos. Es ist nicht bewiesen, dass eine Masernimpfung Autismus nicht provoziert. Es ist nicht bewiesen, dass Gott nicht existiert. Es ist nicht bewiesen, dass Kennedy nicht doch eine Frau ist. Es ist nicht bewiesen, dass der letzte Macho keinen kleinen Pimmel hat. Es ist auch nicht bewiesen, dass Frauen nicht doch schlauer sind als Männer. Umgekehrt aber auch nicht. Es ist nicht bewiesen, dass Irrsinn nicht heilbar ist. Es ist nicht bewiesen, dass ich nicht existiere und nicht diese Zeilen schreibe. Es ist aber auch nicht bewiesen, dass ich diese Zeilen schreibe. Doppelte Verneinungen sind was für Philosophen. Sie tun so, als sei etwas so oder so, ohne dass man es sagen muss. Wenn das „nicht-nicht“ gilt, gilt dann automatisch das das? Nicht unbedingt. In den USA sind kleine Sprachkünstler am politischen Werk. In Deutschland auch, da gibt es so schreckliche Begriffe wie „Vorfeld“, „Remigration“, „großer Austausch“. Es ist nicht bewiesen, dass es meine Figuren, die ich mir ausdenke, nicht gibt. Es ist nicht bewiesen, dass ich im Traum nicht nach Italien fliegen kann. Es ist auch nicht nicht bewiesen.
9.12.25
Neuerdings beobachte ich auch eine Katze. Ich habe das Herrchen der Katze schon kennen gelernt, er stand einmal im Garten und suchte sein Tier. Es trägt eine Peilsender und manchmal streift es den ab. Dann liegt er in unserem Garten und die Katze kommt ohne heim. In unserem Garten macht sie immer dieselbe Runde und sitzt anschließend gerne auf der weißen Mauer zum Nachbargrundstück. Sie kommt an meinem Arbeitszimmer vorbei, geht über die Terrasse, unter die Holzbank und sucht hinter der Rose nach Mäuschen. Sie riecht sie. Denn dort lebt auch eine Mausfamilie. Manchmal springt sie ins Laub, aber ich habe sie nie mit einer Maus aus dem Dickicht kommen sehen. Hinten am Efeu pinkelt sie und hüpft dann zurück.
8.12.25
Regen…Im Regen zu einem Konzert fahren, im Regen zum Tanzen fahren, im Regen einkaufen gehen. Im Regen. Kann ein Wetter so sehr ein Bild für einen Gemütszustand sein? Ich leide unter Italien-Entzug.
6.12.25
Ich bin ein unleidlicher Mensch. Jede Menschenansammlung, die aus mehr als zwei Leuten besteht, stresst mich und macht mich übellaunig. Eigentlich bin ich am liebsten allein und nur im Gedanken mit Menschen zusammen. Ich denke mir dann, dass es toll ist, mit Menschen zusammen zu sein. In meinen Vorstellungen sitzt man zusammen, unterhält sich, hört sich zu, erzählt sich was und alle freuen sich, dass jeder einzelne da ist. Wir stoßen an und freuen uns, dass wir uns sehen. Das Essen schmeckt und die Zeit verfliegt. In meinem Bett schlafe ich ein und freue mich, Freunde zu haben.
Der Nikolaus hat mir Schokolade und Marzipan gebracht. Ich freue mich, dass es einen Nikolaus gibt.
4.12.25
Die Figurenkonstellation, mit der ich mich gerade wieder beschäftige, ist schwierig. Ich versuche, den Überblick zu behalten. Es gelingt mir noch nicht recht. Dann lenke ich mich ab. Die Meisen nehmen meine Futterstelle gut an. Das Eichhörnchen auch. In ihrem Anblick kann man sich mit der Welt verbunden fühlen. Mehr Wunder brauche ich nicht. Es muss kein Engel vom Himmel fahren. Mir reichen die Meisen oder ein Musikstück, egal in welcher Sprache, das mir gefällt. Musik hat ohnehin die Eigenart, dass sie Verbindung stiftet.
3.12.25
Das wunderschöne neue orange-rote Fahrrad bringt mich durch das nördliche Nordend. Es scheint keine Sonne und die Luft ist grau, das Laub welk und grün-braun, es gibt ein paar schmutzig gelbe Flecken auf dem Rasen im Park.
Die schönen Häuser am Park blättern wie die Bäume. Unterhalb der Zweimetergrenze Graffitisprüche und Tags. Eine stabil bleibende Größe. Es liegt eine Mischung aus schmutzig-geschmolzenem Schnee und Eisregen in der Luft – nicht wirklich, nur metaphorisch. Es ist trocken, sofern man die feuchte Luft als trocken bezeichnen kann. Auf dem Gründungstag der Jugendorganisation der AFD, der erfolgreich durch Gegendemonstrationen in Gießen begleitet war, ist ein Mann aufgetreten, der eine Art Servierjacke trug und seltsam sprach, mit einem rollenden „R“ und übertrieben auf einen Nationalstolz pochte, den keiner braucht. Jetzt rätselt man, ob es ein Satiriker war. Wenn die Realität zur Satire wird, muss man ernst bleiben. Ein verdammt rechtsradikaler Haufen in dieser Partei und dieser Jugendorganisation.
Den Meisen im Garten habe ich eine Futterstelle angelegt, gleich neben den Knödeln. Sie hängen mit dem Bauch nach oben an den Meisenknödeln und picken. Auch die Futterstelle interessiert sie. Es wäre doch schön, wenn man stolz sein könnte, auf die Dinge, die Gutes in die Welt gebracht haben und an denen man beteiligt war. Vielleicht würde es auch reichen, man freute sich über Dinge, die Gutes bewirken. Kriegshandlungen sind schlechterdings nichts, auf das man stolz sein kann. Einen Frieden stiften, einen Garten anlegen, Meisenknödel aufhängen, ein Musikstück spielen, ein Geschenk machen, eine Wasserleitung reparieren, ein nachdenkliches Buch schreiben, einen Rock nähen – es gäbe so viele Dinge, auf die Menschen stolz sein könnten.
Vor Weihnachten ist die ganze Stadt schlecht gelaunt. Ich trinke Tee: frische Verbene aus dem Garten. Vielleicht hilft das.
2.12.25
Ich habe Sehnsucht nach meiner Arbeit an der Schule und nach meinen Kolleginnen und Kollegen. Ich habe versucht, zwei von ihnen telefonisch zu erreichen, aber sie rufen nicht zurück. Da ich einmal Chefin war, kann man nicht einfach die Karte ziehen: „ehemalige Kollegin“. Sehnsucht zählt nicht. Die Arbeit bricht wellenartig über ihnen zusammen, da ist meine Anfrage untergegangen. Jede Nachfrage gilt als Ex-Chefinnen-Nachfrage. Ich habe auch ein bisschen an der Homepage gebastelt. Das ist nicht meine Aufgabe. Das sollte ich alles nicht mehr tun. Ist auch nicht meine Aufgabe. Ich werde mich damit begnügen müssen, es ja selbst entschieden zu haben. In der Welt der Entscheidungen gibt es keine Ambivalenzen und Unsicherheiten. Selbstverständlich sagt das keiner so, aber tatsächlich ist ein schleichender Aus- und Eingang schwierig für viele Menschen. Mir tut so etwas eher gut, wenn es so auströpselt. Aber das stimmt nun auch nicht immer, manchmal brauche ich auch einen klaren Schnitt. Also, der klare Schnitt heißt: keine schulischen Belange mehr behandeln. Ich darf allenfalls für mich selbst überlegen, wie ich eine Leitung verstehe. Das wird ja wohl erlaubt sein. Ja, ist denn gar nichts mehr erlaubt? Das Institut für politische Schönheit möchte eine Walter-Lübcke-Statue aus Bronze vor das CDU-Haus in Berlin stellen. Ob das erlaubt ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist die Idee die Idee. Damit die CDU daran erinnert werde, dass Hass gegen Migranten nur Hass gebiert. Die CDU soll an die Brandmauer erinnert werden. Damit kann ich mich auch beschäftigen. Mein Liebster sagt zurecht, dass der Tote durch die Aktion instrumentalisiert werde. Wann heiligt der Zweck die Mittel? Satire darf alles. Eigentlich schon, aber nur eigentlich. Wenn das Institut für politische Schönheit nett gefragt hätte, würde man es nicht zur Kenntnis genommen haben. Wer zur Kenntnis genommen werden will, muss schon Bronze-Statuen in Auftrag geben und aufstellen. Aber verbal polemisch bei jeder Gelegenheit auf Migranten einschlagen ist auch quasi eine Bronze-Statue. Wir leben in einem Zeitalter der Übertreibungen. Selbst ich übertreibe häufig. In meinem Kopf gibt es eine Denkautobahn. Selten fahren die Gedanken in eine Richtung. Beschäftige ich mich doch damit zwischen meinen Schreibanfällen. Wie so oft, stelle ich fest: die anderen sind anders als ich.
1.12.25
Es ist kalt. Die Sonne schafft den schrägen Blick. Lebkuchen werden verkauft. Ich würde gerne in dieser Atmosphäre des friedlichen Ablebens und Überwinterns Frieden schließen mit meinem Körper. Er hat einiges getan für mich und Erstaunliches geleistet. Trotzdem mag ich ihn nicht. Er hat zwei Kinder geboren, er hat mich den Mount Everest hochgeführt – nicht ganz hoch, aber hoch genug – er fährt stabil Fahrrad und wandert gerne und sicher, er kann schwimmen und sitzen, laufen und Gartenarbeit verrichten. Er kann im Arm halten und verdauen. Er tanzt im Rhythmus – meist – und merkt sich Harmonien, spielt Klavier. Er merkt sich überhaupt sehr viel! Einiges vergisst er auch, aber ich wollte ja mal sammeln, was er alles für mich tut. Er hat zwei Kinder genährt in ihrem ersten Lebensjahr, er ist wieder gesund geworden. Er kann wunderbar Hitze aushalten, Kälte in Maßen und schläft gut. Er hat mir Lust bereitet und Zufriedenheit. Mein Körper verursacht selten Schmerzen, wenn doch, dann nur weil er allen Grund dazu hat. Ich würde ihn gerne so lieben wie er ist, weil er so genügsam ist und nicht allzu viel Pflege braucht: alle zwei Tage eine warm-kalte Dusche und ein weiches Handtuch. Ein bisschen Creme. Weil er fast alles mitmacht, was ich machen möchte und nicht muckt, müsste ich ihn doch lieben. Aber vielleicht ist das schon der Anfang eines falschen Endes, dass man etwas mag, weil es besonders gut ist. Wie kann man also etwas mögen, was man selbst ist und einfach so ist, wie es ist? Vielleicht so, wie man einen Garten mag, der nicht besonders schön ist oder einen Ort, der nicht überall schön ist. Durch Betrachtung. Durch Beschreibung.
28.11.25
Das Laub ist mit großen Arbeiterhandschuhen aufgegriffen und in die Biomülltonne verfrachtet worden. Wir waren zu zweit. Ein Teil des Laubes haben wir über die empfindlichen Pflanzen verteilt, so dass sie in Ruhe schlafen können. Der Rasen darf sich nun auch erholen. Die Verbene habe ich geschnitten, den Schmetterlingsstrauch noch nicht. Das müsste ich noch tun, bevor der Frost anhaltend kommt. Ein paar späte Glockenblumen verstecken sich im hohen Gras. Mich bringt das Hinausschauen aus dem Fenster auf eine Idee. Die Unbeweglichkeit meines trägen Körpers hat eine hohe Lageenergie. Ich vertiefe mich in die Faschismus- und Antisemitismusforschung. Ich will es genauer wissen.
25.11.25
Sich freischreiben heißt, auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen, heißt, die Dinge so zu schildern, wie sie wirklich sind, für mich wirklich, für eine ausgedachte Person, für einen Standpunkt, der nicht schon tausendmal eingenommen wurde oder schon tausendmal eingenommen wurde, aber immer noch wahr ist.
Sich freischreiben, ist eine Lebenshaltung, die fragt, was wäre, wenn du ich wäre und ich du? Wenn ich ein Stuhl wäre oder ein Stein? Wenn ich etwas wäre, das ich nicht sein kann. Sich freischreiben heißt, die Dinge zu beobachten und zu bezeichnen. Denn Dinge und Vorgänge, die einen Namen haben, werden nicht vergessen. Heimkehren ist wie schreiben, alles ist merkwürdig und es wert, betrachtet zu werden. Nichts ist selbstverständlich. Wegfahren ist wie schreiben, alles ist es wert, betrachtet zu werden.
Das Laub liegt aufgetürmt im Garten. Der Biomüll war noch nicht da. Der Wind macht sich einen Spaß daraus. Ich bringe alles wieder in Form. Sich freischreiben heißt: In Form bringen.
Dinge die Menschen nicht fragen, Dinge, die Menschen fragen, können mich verunsichern. Ich versuche, dieser Verunsicherung Form zu geben. Manchmal gelingt es.
20.11.25
Heimkehren ist merkwürdig. Ich finde nichts in der Wohnung. Bevor wir abreisten, hatten wir aufgeräumt, unsere Zwischenmieter räumten auch um und ich habe vergessen, wo meine Ordner standen. Ich laufe also viele Wege ab, bevor ich etwas finde. Erstmal räume ich den Garten auf. Das Laub wird gerecht, die Hecken geschnitten, die Zitronenmelisse rausgezupft. Auch die Himbeeren müssen gekürzt werden, einige späte ernte ich. Sie schmecken nach nichts. Den Nachmittag verbringe ich damit, herauszufinden, was ich gerne behalten würde. Den Zweiuhrcaffä auf jeden Fall. Danach gehe ich in die Buchhandlung und spreche mit Timo über die deutsche Diskurskurskultur. Auf jeden Fall kann da noch einiges getan werden, damit das Licht der Aufklärung noch in die Köpfe fährt. Ich habe mir ein Buch gekauft, das mir erklärt, wie der Faschismus funktioniert und eines über Antisemitismus. Der Autor des ersteren Buches ist ins Fadenkreuz der Kritik geraten, weil er am falschen Ort die Verfassung Israels als einen jüdischen Staat kritisierte. Vielleicht ist er zur forsch aufgetreten, vielleicht sind auch eher die Veranstalter in die Kritik geraten, weil es den Anschein erweckte, dass man nicht hören wollte, was der Autor zu sagen hatte. Kurz: Ich war nicht auf der Veranstaltung, ich weiß nicht, was genau passiert ist, aber seine Ansprache ist in der FAZ erschienen, ich habe sie leider noch nicht gelesen, werde das aber nachholen. Dann kann ich mir ein Bild machen. Der Buchhändler und ich waren uns einig, dass man nicht immer in einem Satz und eben mal schnell seine Meinung raushauen sollte, weil die Dinge eben kompliziert sind. Kunst dagegen geht ja immer! Dann spiele ich Klavier. Mannohmann, das ist ein Klavier. Großartiger Klang. Ich bin jetzt doch froh, wieder hier zu sein. Ich denke an ein paar Kinder in der Schule. Wie lieb man fremde Kinder haben kann. Und selbst die, die man nicht besonders leiden mag, auch denen wünscht man nichts Böses. Wirklich nicht, nur ganz kurz, wenn man sich ärgert, aber danach gar nicht mehr. Eigentlich mag ich sie alle, die einen mehr, die anderen weniger, aber Kinder sind toll. Wahrscheinlich habe ich doch den richtigen Beruf. So ganz allein im stillen Kämmerlein würde ich selbst mir als Zuhörerin meiner eigenen Gedanken irgendwie nicht reichen. Die Sonne geht in Frankfurt bereits um 14 Uhr unter: zu viele Häuser. Ich sitze also nahezu im Dunkeln. Wenn ich jetzt an den blauen Himmel am Meer denke, werde ich doch traurig. Dazu passt Mozart jetzt nicht. Also spiele ich was anderes.
17.11.25
Ein schönes Datum. „Passante“ begann ich, als ich vor Jahren „dem Tod in den Arsch schaute“. So dachte und empfand ich. Es war nur kurz geschaut und dann floh der Tod. Er wollte mich nicht. Heute auch noch nicht, ich bin sehr froh darüber. Die Wahrheit ist nämlich, dass er kommt, wenn er kommt. Irgendwann, irgendwo.
Die Wohnung meines Herzens habe ich gefunden. Ich wohne in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert, eher Kirche als Wohnhaus. Ein Palazzo. Wir bewohnen nur die Stubenmädchenwohnung, unter dereinst Napoleon schon wohnte, bevor er Italien einnahm. Er konnte die Fresken an der Decke bewundern, ich kenne sie nur vom Bild. Das ist eben der Unterschied zwischen Napoleon und mir. Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus, das muss nur nebenbei bemerkt werden. Ich möchte auch nicht Napoleon sein. Wir bewohnen also die Dienstmädchenwohnung unter dem Dach hoch oben über Imperia in einem Palazzo auf dem Berg und ich kann zu allen Seiten hinausschauen: zum Meer, an die Küste, in die Stadt und in die Berge. Aber nicht nur das. Ich sehe auch meerseitig die Mauersegler um mich herum tanzen. Sie fliegen an mir vorbei, über mich hinweg, unter mir schneiden sie eine scharfe Kurve um den Schornstein des Nachbarhauses. Ich bin ergriffen, berauscht und erfreut. Hier würde ich wirklich gerne wohnen. Zwischen diesen geliebten Vögeln, mittendrin. Mein Liebster und ich werden heute ein echtes italienisches Frühstück genießen, in einer kleinen Bar, direkt am Meer. Es ist wie ein Kiosk, besteht nur aus einem kleinen Raum mit einer Bar und vier Stehtischen und drei Tischen, an die man sich setzen kann. Der Kiosk steht zwischen Straße und Meer, unter dem Fenster liegen bereits die Boote im Wasser. Da es nicht am Hafen ist, ist hier nicht viel los. Vielleicht schon am Morgen, bevor man arbeiten geht. Man kann hier einen Kaffee trinken und ein süßes Cornetto essen. Mehr nicht. Den Rest machen die Möwen, das Meer, die Mauersegler und Menschen, die lieben und denken. Ordentliche Verben fangen nicht mit „m“ an.
16.11.25
Der Wind und der Regen pfeift und peitscht um das Haus. Wir sind ein paar Tage in Imperia, in einem Palazzo untergebracht, in dem dereinst bereits Napoleon weilte, bevor er Italien einnahm oder halb Italien? Es ist ein großes, sehr mächtiges Haus und unter unserem Apartment muss es Wohnungen mit wunderschönen Deckenfresken geben. Die haben wir leider nicht persönlich gesehen. Bereits der Treppenaufgang ist der Aufgang einer Kirche. Ich hoffe, Napoleon schlief so gut wie ich in diesem beheizten Apartment. Meine Figuren gehen spazieren, während draußen das Gewitter tobt. Vielleicht ist es einfach die Zeit, die vorbei weht? Lass sie wehen.
14.11.25
Das Haus wird gestaubsaugt, geputzt, gewienert und gestaubt. Die Wäsche wird gewaschen und aufgehängt. Die Koffer gepackt, die Dinge geordnet. Die Fenster werden geputzt und die Kommoden mit frischer Wäsche gefüttert. Das Holz ordentlich gestapelt und die Ikeamöbel, die wir gekauft haben, werden auseinandergebaut. Wasserkocher und Ofen werden verstaut. Jetzt ist es wieder ein ganz feines Haus, dass nicht allzu sehr nach uns aussieht. Schade. Wir werden ein paar Tage an die Küste fahren, um dem Meer einen schönen Winter zu wünschen. Mein Heimweh ist im Koffer.
